Indische Literatur heute

Bei der Fülle herausragender dichterischer und religiös-philosophischer Werke, die in drei Jahrtausenden auf Sanskrit entstanden sind, kann es nicht überraschen, dass diese klassische Literatur bis heute weithin das Bild von Indien prägt. Hinzu kommt eine bedeutende und umfangreiche mittelalterliche Literatur in Nord- und südindischen Sprachen. Aber auch die Moderne von der britischen Kolonialzeit bis in die Gegenwart war sehr produktiv. Im 19. Jh. kam es zu einer Blüte der Literatur in Bengali. Hindi und andere indische Sprachen folgten.

Seitdem auf Initiative der Kolonialmacht in Indien englischsprachige Schulen und Hochschulen gegründet wurden, gibt es auch eine indische Literatur in englischer Sprache. Sie zielt in erster Linie auf die einheimischen Leser, die im Englischen ebenso zu Hause sind wie in ihrer Muttersprache, erreicht aber auch eine weltweite Leserschaft. Eine Besonderheit des indischen Englisch ist seine Anreicherung mit Begriffen aus indischen Sprachen, für die es keine genau passenden englischen Entsprechungen gibt. Dieses Vokabular kann bei den indischen Lesern - auch in der weltweiten Diaspora - als bekannt vorausgesetzt werden und erspart dem Autor umständliche Erläuterungen.

Beim Übersetzen ins Deutsche muss man Wege finden, diese kulturspezifischen Inhalte verständlich zu machen und die authentische Atmosphäre des Originals zu erhalten, ohne den Text mit exotischen Fremdworten zu überfrachten.


1. Übersetzungen aus dem Englischen

Dilip Kumar Roy/Indira Devi: Die Bettlerprinzessin             Das Leben der Mirabai - Schauspiel in fünf Akten

Hamburg: tredition, 2016, 184 S., erhältlich als Paperback und E-Book

Dilip Kumar Roy, Schüler von Sri Aurobindo, spiritueller Lehrer, Sänger in der Tradition der klassischen nordindischen Musik, Autor von Romanen, Dramen, Gedichten in Bengali und Englisch, und seine Schülerin Indira Devi verfassten gemeinsam dieses Schauspiel, das in 5 Akten zentrale Episoden aus dem Leben der Dichter-Heiligen Mirabai veranschaulicht.

Mirabai wurde im 16. Jh. in einem fürstlichen Haus in Rajasthan geboren und standesgemäß mit einem Prinzen verheiratet. Ihre eigentliche Liebe galt allerdings Krishna, dem ewig jugendlichen Gott mit der Flöte, deren Klänge jeden verzaubern, der sie vernimmt. Nach dem Tod ihres Gemahls war Mirabai wegen ihrer als ungehörig angesehenen spirituellen Neigung von Seiten ihrer angeheirateten Verwandten härtester Drangsalierung ausgesetzt, die bis zum Mordversuch ging. Daraufhin verließ sie die Welt der Paläste und zog als wandernde Asketin, ihren göttlichen Geliebten besingend, durch Indien.

                                
Das Stück vereinbart bühnenwirksame Handlung mit psychologischer Tiefe und authentischer Darstellung der Philosophie des Bhakti-Yoga. Die Dialoge spiegeln die Entwicklung von kindlicher Schwärmerei zur vollen Entfaltung einer Gottesliebe, der alle anderen Ziele und Motive untergeordnet werden und die schließlich zu der ersehnten mystischen Union führt. An vielen markanten Stellen wird die Handlung durch lyrische Einlagen unterbrochen. Es handelt sich dabei um Übersetzungen der Lieder Mirabais, wie Indira Devi sie in ihrem Yoga-Samadhi gehört hat.

zum Angebot bei tredition


Ruskin Bond: Geschichten aus dem Herzen Indiens

Kitab Verlag, Klagenfurt - Wien 2013.

Ruskin Bonds Geschichten aus dem Herzen Indiens, die bereits zu den Klassikern der modernen indischen Short Story in englischer Sprache gehören, führen in die Welt der kleinen Städte, in denen die Globalisierung noch nicht angekommen ist. Der Leser begegnet halbwüchsigen Bauernjungen, die sich in der Stadt als ungelernte Hilfskräfte verdingen, verschrobenen älteren Damen und Herren, die bisweilen Gespenster sehen, einer Krähe, die mit spöttischem Witz von ‚ihren‘ Menschen erzählt. Er erfährt von ungelösten Kriminalfällen, bei denen die Sympathien des Autors auf Seiten der Täter, nicht der Opfer liegen.

Sozialkritik äußert Bond nicht schroff, nicht agitatorisch. Er ist ein Mann der Zwischentöne und der feinen, nicht denunzierenden Ironie. Seine Erzählkunst beruht darauf, dass er aus gut beobachteten Details, aus gegenständlichem Inventar, aus Rede- und Verhaltensweisen eine authentische Atmosphäre entstehen lässt. Seine Figuren sind differenzierte, fühlende Wesen, deren Beschwerden und Glücksmomente der Leser mitempfindet.

                                        

Ruskin Bond, geboren 1934 in Kasauli (Himachal Pradesh) ist ein indischer Schriftsteller mit britischen Wurzeln. Nach dem Ende seiner Schulzeit lebte er einige Jahre in England und schrieb dort seinen ersten Roman, The Room on the Roof (1956), die autobiografisch geprägte Geschichte des jungen Anglo-Inders Rusty. Bond kehrte nach Indien zurück und lebt seit 1963 als freier Schriftsteller in Mussoorie. Sein Werk umfasst Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, Essays, Reiseberichte und Feuilletons.

mehr über Ruskin Bond


Ruskin Bond: Ein Schwarm Tauben

Draupadi Verlag, Heidelberg 2010

Indien 1857. Eine anglo-indische Familie gerät in den Strudel der ersten großen Aufstandsbewegung gegen die britische Kolonialmacht.

Die vierzehnjährige Ruth Labadoor erzählt, wie sie sich nach dem gewaltsamen Tod des Vaters zusammen mit ihrer Mutter ein Jahr lang durchschlägt, teils auf der Flucht, teils versteckt und verkleidet, teils als private Gefangene eines aufständischen Pathanen, der Ruth zur Frau   begehrt. Mut und Geistesgegenwart der Mutter retten die beiden aus vielen gefährlichen Situationen.

Ruskin Bond, einer der großen Erzähler der englischsprachigen Gegenwartsliteratur in Indien, lässt die Epoche der ‚Sepoy-Meuterei’ oder des ‚Ersten Indischen Unabhängigkeitskriegs’ durch die Augen des bisher wohlbehüteten britischen Mädchens lebendig werden. Die spannend und anrührend erzählte Geschichte der Labadoors ist nicht primär ein Kommentar zur britischen Herrschaft in Indien, hält sich aber strikt an die historischen Tatsachen und erlaubt dem Leser, sich ein differenziertes Bild von den Haltungen und Motiven der Konfliktparteien machen.



       

Die Erzählung erschien zuerst 1975 unter dem Titel ‚A Flight of Pigeons‘ und wurde zuletzt 2008 bei Penguin India neu aufgelegt. Sie diente auch als Vorlage für das Drehbuch von 'Junoon', einem Klassiker des Hindi-Films.


Chitra Fernando: Die Vollkommenheit des Gebens,  in ‚Die Horen’, Band 188 (1997), S. 173-185.

Die Erzählung der Autorin aus Sri Lanka erschien im Original unter dem Titel ‘The Perfection of Giving’ in ‘The Penguin New Writing in Sri Lanka’, hrsg. von D. C. R. A. Goonetilleke, New Delhi 1992


2. Übersetzungen aus dem Hindi

Geetanjali Shree: Mai 

Roman, Draupadi Verlag, Heidelberg 2010

Drei Generationen einer gut situierten Familie in Nordindien: Der Großvater, ein Tyrann nicht ohne liebenswerte Züge, die Großmutter mit der rasiermesserscharfen Zunge, der untreue Vater, die beiden Kinder im komplizierten Prozess der Ablösung von einer dominanten Familie, eine Tante, die sich in alles einmischt, die Bediensteten. Im Zentrum steht Rajjo, die im Roman zumeist Mai („Mutter“) genannt wird. Rajjo, die zunächst so schwach und unscheinbar wirkt, gewinnt im Verlauf des Werkes immer mehr an Konturen.

In ,Mai' zeichnet Geetanjali Shree ein detailliertes Bild der Rollenmuster und des Beziehungsgeflechts in einer traditionellen indischen Familie. Da ist der Urkonflikt zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, die strikte Trennung zwischen männlichen und weiblichen Domänen, aber auch der unaufhaltsame soziale Wandel, das Einströmen westlicher Ideen und Lebensweisen.

Geetanjali Shree, geb. 1957, lebt in Delhi und gehört zu den bekanntesten Hindi-Autorinnen der Gegenwart. Sie schreibt Romane und Kurzgeschichten. Mai, ihr erster Roman, erschien 1993 und wurde durch die Übersetzungen ins Englische (2000) und Französische (2008) zu einem international beachteten Werk.

mehr über Geetanjali Shree









        
 







Einführung


Uday Prakash: Das Mädchen mit dem gelben Schirm 

Roman. Aus dem Hindi übersetzt von Ines Fornell, Reinhold Schein und Heinz Werner Wessler,  Draupadi Verlag, Heidelberg 2009

Ein Uni-Campus in Indien. Der hochbegabte Student Rahul, Angehöriger einer niedrigen Kaste, und Anjali, Brahmanin und Tochter eines einflussreichen Politikers, lieben sich. ‘Das Mädchen mit dem gelben Schirm’ ist die Geschichte dieser hochriskanten Liebe, eingebettet in das Leben auf dem Campus mit seinen akademischen Eitelkeiten und dem Spinnennetz aus Korruption, das sich zwischen Hochschulverwaltung, Politik, Geschäftswelt und der örtlichen kriminellen Mafia aufspannt.

Uday Prakash, einer der bekanntesten und meistdiskutierten Hindi-Autoren der Gegenwart, weiß, worüber er schreibt. Er kennt die Hochschulszene aus eigener beruflicher Erfahrung, er weiß, wie es sich anfühlt, den Manipulationen verfilzter Seilschaften ohnmächtig zusehen zu müssen. Seine Wut ist in Sprache geflossen und gibt diesem Roman eine vibrierende Energie. Am Mikrokosmos des Uni-Campus zeigt sich die Situation des ganzen Landes in einer Epoche gewaltiger sozialer Umbrüche im Zeichen der Globalisierung.



                                                 







Zugleich ist da noch eine ganze andere Welt: Die allgegenwärtige Traumfabrik Bollywood mit ihren Macho-Helden, ihren ebenso begehrenswerten wie unerreichbaren Göttinnen der Leinwand, ihren Songs und Tänzen und überlebensgroßen Plakaten durchdringt das reale Leben beinahe lückenlos. Aus diesem Spannungsgefüge entstehen Witz, Ironie und manchmal große Gefühle.

mehr über Uday Prakash


Habib Tanvir: Agra Basar

Schauspiel in zwei Akten, Aus dem Hindi/Urdu übersetzt von Reinhold Schein und Heinz Werner Wessler, Draupadi Verlag, Heidelberg 2007

Das Stück wurde im Rahmen des Theaterfestivals ‚Biennale Bonn – Indien‘ 2006 von Habib Tanvirs eigener Theatertruppe in Bonn aufgeführt. Aus diesem Anlass entstand die deutsche Übersetzung.

Agra, um 1810: Noch schimmert der alte Glanz der niedergehenden Mogul-Herrschaft. Schöngeister trauern im Laden des Buchhändlers besseren Zeiten nach. Mit der englischsprachigen Kultur, die von Bengalen aus mit der East India Company den Subkontinent durchdringt, leuchtet schon ein ganz anderes Zeitalter am Horizont auf. Währenddessen darben die Kleinhändler. Je schwieriger es wird, ihre Waren loszuschlagen, desto eher gehen sie aufeinander los. Einer ist von einer fixen Idee besessen: Ein Gedicht des berühmten Dichters Nazir wäre eine sichere Verkaufsstrategie für seine Gurken. 

Im großen Finale schließt sich das bunte, chaotische, bei aller Verschrobenheit liebenswerte Kaleidoskop des Lebens auf dem Basar im Chor zusammen: Straßenhändler, Affenführer, Prostituierte und ihre Freier, Polizisten und Kleinkriminelle, Dichter, Schöngeister, Wandermönche und viele mehr.

 




                     
 








Habib Tanvir (1923-2009) war einer der Großen des modernen indischen Theaters. Beeinflusst vom Volkstheater und von Bertolt Brecht gehörte er zur ersten Generation der indischen Theaterregisseure, die nach Erlangung der Unabhängigkeit 1947 eigene Wege suchten. Das von ihm 1959 gegründete Ensemble ‚Naya Theatre‘ arbeitet mit professionellen Schauspielern und Laien, mit Dorfbewohnern, Bänkelsängern und Akrobaten der Straße. In Tanvirs Inszenierungen blieb immer Raum für das Spontane, für Improvisation. Agra Basar, seine Hommage an den volkstümlichen Urdu-Dichter ‚Nazir‘ Akbarabadi, gilt als Tanvirs bekanntestes Stück.